Jubiläum 2002


Die Tübinger und Reutlinger pro familia wird 25 Jahre

Chronik 1977: ·Terrors der RAF: Ermordung von Ponto, Buback und Entführung von Schleyer und dessen Ermordung. Kurz nach der Befreiung der Geiseln in Mogadischu begehen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe im Gefängnis von Stammheim Selbstmord. Eine weitere Inhaftierte, Irmgard Möller, wird mit schweren Messerverletzungen aufgefunden. Das Ziel der RAF, die Faschisierung des Staates wurde wohl nicht erreicht; dennoch versetzen die Ereignisse die Republik in einen Ausnahmezustand, der Staat pocht auf sein Gewaltmonopol und einschneidende Gesetzesänderungen sind die Folge. Ein Göttinger Germanistikstudent, der in einer Asta-Zeitschrift in einem Nachruf auf Buback von "klammheimlicher Freude" schreibt, wird zu sechs Monaten Haft verurteilt · Heiner Geissler wird Generalsekretär der CDU · Das Ehe- und Familienrecht tritt endlich in Kraft: im Scheidungsrecht wird das alte „Schuldprinzip“ durch das „Zerrüttungsprinzip“ ersetzt und die Unterhaltspflicht so geregelt, dass der wirtschaftlich stärkere Partner den wirtschaftlich schwächeren unterstützt · J. Wallraff enthüllt, dass er monatelang unter dem falschen Namen Hans Esser bei der Bild-Zeitung gearbeitet hat · Charlie Chaplin stirbt 88jährig · Ernst Bloch stirbt 92jährig. · Ingrid van Bergen erschießt Freund · Charta 77 über Menschenrechte in Prag veröffentlicht · Erroll Garner stirbt 57jährig · Elvis Presley stirbt 42jährig · In Spanien finden die ersten freien Wahlen seit 41 Jahren statt · Auf der Baustelle des niedersächsischen Kernkraftwerks bei Grohnde kommt es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Kernkraftgegnern und der Polizei, bei denen 300 Menschen verletzt werden · Der Friedensnobelpreis geht an "amnesty international" · Landesregierung Baden-Württemberg will "terroristischen Sumpf austrocknen" und schafft die verfasste Studentenschaft ab. Studierende gründen unabhängige Vertretungen ·

Ein Spiegel der baden-württembergischen Sexualkultur

Slogans wie "Mein Bauch gehört mir", "Wer zwei Mal mit der Selben pennt, gehört zum Establishment", "Büttel des Staates" (der Kommunistische Bund Westdeutschlands über pro familia) und der ständige Konflikt mit konservativen Politikern - pro familia lag irgendwie immer zwischen den Anschauungsfronten.

Pro familia, das Aufklärungsmedium in Sachen Sexualität und Familie, zeigte sich aber nicht selten als ein entlarvender Spiegel der deutschen Moralkodizes. Und so lässt sich die Geschichte dieser Institution auch als Geschichte des gesellschaftlichen Dauerbrenners Schwangerschaftsabbruch lesen. Nicht nur das: pro familia hat die Familienplanung entscheidend mitgeprägt, ist wesentlicher Teil der Geschichte der sexuellen Aufklärung seit der "Kulturrevolution" der 68er. Und spätestens seit den 90er Jahren ist pro familia auch ein soziales, professionell agierendes Dienstleistungsunternehmen mit umfassendem Angebot. Das Ziel des bundesweit vertretenen "eingetragenen Vereins" war und ist bis heute grundlegend: Menschen Hilfe zu leisten, die eine "emanzipatorische Sexualerziehung" und "selbstverantwortliche Elternschaft" suchen.

Von der Eugenik zur „Familienplanung als Menschenrecht“ – 50 Jahre pro familia Bundesverband

pro familia war seit ihrer Gründung in Deutschland 1952 (der Bundesverband hat zeitgleich 50jähriges Jubiläum!) eine von Ärztinnen und Ärzte getragene Organisation, die sich auf unterschiedliche Traditionen bezog.

In der Tradition der Eheberatungsstellen der Weimarer Republik und ihrem eugenischen und bevölkerungspolitischen Ansatz hieß es in der Satzung des Bundesverbandes der pro familia noch 1966: „pro familia wirkt für die gesunde Familie mit dem verantwortungsbewussten Willen zum Kinde. pro familia fördert die Volksgesundheit durch Bekämpfung der Abtreibung, durch Eheberatung und Familienplanung ...“ (§ 2, Abs. 1), wobei die Nähe zu eugenischem und bevölkerungspolitischem (sozialdarwinistischem) Gedankengut vor allem durch die Gründungsmitglieder Hans Harmsen, 1. Präsident der pro familia bis 1957, und Anne-Marie Durand-Wever, Vizepräsidentin und Geschäftsführerin bis 1959 nicht verwundern konnte.
Hans Harmsen wurde 1981 von der Bundesmitgliederversammlung zum Ehrenpräsidenten gewählt. Nach bekannt werden seiner früheren Schriften erfolgte jedoch eine Distanzierung des Verbandes von ihm.

pro familia verstand sich aber auch in der Tradition der Sexualberatungsstellen der Weimarer Republik, die aus der sexualreformerischen Bewegung hervorgegangen waren und deren Aufgabenschwerpunkte die Sexualaufklärung, die Verhütungsberatung und die Hilfe bei ungewollter Schwangerschaft waren.

Im Jahr 1968 wurde auf der UN Versammlung in Teheran zum ersten Mal Familienplanung als Menschenrecht deklariert, nämlich als Recht der Eltern „...die Zahl und den Zeitpunkt der Geburt ihrer Kinder frei und verantwortlich zu bestimmen.“
Damit wurde der Forderung des internationalen Dachverbandes der Familienplanungsorganisationen (IPPF) von 1953, Familienplanung aus der alleinigen Inanspruchnahme für bevölkerungspolitische Zielsetzungen herauszunehmen und als universell gültiges Menschenrecht zu definieren, entsprochen.

Der pro familia Bundesverband reagierte darauf mit einer Satzungsänderung – allerdings erst im Mai 1984.
In der Praxis war pro familia jedoch mit der Diskussion um die Liberalisierung des Gebrauchs von Verhütungsmitteln und der aufkommenden Diskussion um die Reformierung des Schwangerschaftsabbruchs für individuelle Rechte vor allem von Frauen eingetreten und damit der eigenen Satzungswirklichkeit bereits vorausgeeilt.

Auf den UN-Konferenzen von Kairo (1994) und Peking (1995) wurde ein neuer globaler Orientierungsrahmen für institutionalisierte Familienplanung festgeschrieben, der unter „sexueller und reproduktiver Rechte“ firmiert. Erst mal wurden damit Sexualität, Reproduktion, Gesundheit und Menschenrechte miteinander verknüpft und in ein UN-Regelwerk aufgenommen.

Dieser veränderten Orientierung wurde 1996 durch eine Satzungsänderung des Bundesverbandes entsprochen:
pro familia ist danach auf dem Gebiet der Sexualberatung, Sexualpädagogik und Familienplanung tätig (§2, Abs.1). pro familia versteht sich als Fach-, Dienstleistungs- und Interessenverband für alle Frauen, Männer und Jugendliche auf dem Gebiet der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte (§ 2, Abs.2). pro familia lehnt jede Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder Nationalität, aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Sprache oder aufgrund politischer, religiöser oder sexueller Orientierung ab. pro familia setzt sich besonders gegen Verletzungen des Menschenrechts auf Familienplanung ein (§2, Abs.3).

Die 70er Jahre - Gründung in extremen Zeiten
Beratungen
Zur GroßansichtBeratungen 1978
Im Jahr 1974, - die Debatte über den Paragraphen 218 zum Schwangerschaftsabbruch (siehe Kasten "Chronik") erregte gerade die Emotionen - , eröffneten die frischgebackene Ärztin Maria Krebs, die Pädagogikstudentin Margarete Leuber und der Pädagogikstudent Robert Bolz ein pro familia - Büro in Tübingen. Die damals noch inoffizielle Dependance, ohne jegliche Unterstützung vomSozialministerium ins Leben gerufen, mietete sich beim Studentenwerk (Studentenwerk e.V.) ein. Unter räumlich wie finanziell schwierigen Bedingungen hätten die Pioniere vermutlich schnell wieder das Handtuch geworfen, wären sie nicht auf eine positive Resonanz gestoßen. Vor allem junge Leute rannten den MitarbeiterInnen die Tür ein. Ehrenamtliche Arbeit, Verzicht auf Honorare waren ein unerlässliches Opfer, um das Projekt, das auch mit massiven Vorurteilen zu kämpfen hatte, nicht zum Scheitern zu bringen. Die kritischen Bedingungen sollten noch über viele Jahre anhalten.

Allen Widrigkeiten zum Trotz erfolgte drei Jahre später, im "deutschen Herbst" 1977 (siehe Kasten "Ereignisse 1977“), die offizielle Gründung als "Kreisverband pro familia Tübingen/Reutlingen e.V.". Nächstes Ziel war es, im Sinne des Paragraphen 218 StGB anerkannt zu werden. Ein Jahr nach Antragstellung, im Oktober des folgenden Jahres 1978, war es soweit: "pro familia Tübingen" durfte die für den Schwanger-schaftsabbruch unerlässliche "soziale Beratungsbescheinigung" ausstellen. Ein Meilenstein für die Tübinger SozialpädagogInnen und ÄrztInnen. Nun wurden sie auch mit 20.000 Mark jährlich vom Land bezuschusst. Doch diese Finanzspritze milderte die Finanzmisere kaum: Mit der kontinuierlich steigenden Zahl der Beratungen nahm auch der kostenintensive Verwaltungsaufwand zu.

Die gewachsene Bedeutung von pro familia - gegenüber 1977 stieg die Zahl der bei pro familia Tübingen ratsuchenden Personen von 406 auf 867 - stieß bei den politisch Verantwortlichen jedoch auf so gut wie keine Resonanz. Lediglich die damalige Bundestagsvizepräsidentin und FDP-Politikerin Liselotte Funcke interessierte sich näher für die Arbeit der Tübinger "pro familiaristen". Bei ihrem Besuch 1979 in der Geschäftsstelle zeigte sie sich verwundert, dass die damals gültige soziale Indikationslösung von manchen baden-württembergischen Kliniken unterminiert oder gar boykottiert wurde.

Die 80er Jahre - Angefeindet und doch innovativ

Anfang der 80er Jahre sah sich pro familia Tübingen zunehmend zwischen den gesellschaftlichen Fronten. Als bezeichnendes Beispiel kann ein Leserbrief stehen, der 1980 in der Südwestpresse abgedruckt wurde. Darin behauptete ein Podiumsdiskussion
Zur GroßansichtPodiumsdiskussion
Dekan Gueter aus Münsingen von der Alb , dass frühe Sexualaufklärung zu einer "ungesunden Aufwühlung des Sexualtriebes" führen würde. Eine Position, die für uns noch immer unhaltbar ist. Ich habe damals geschrieben: "Gerade eine restriktive Sexualerziehung schafft eine überzogene Beschäftigung mit ‚Sex’ und all den spießbürgerlichen Spielarten." Aber auch "Bild" mischte sich ein und sprach von der pro familia als einem "Abtreibungsbüro".

Trotz aller Anfeindungen ging die inhaltliche Arbeit voran und wurde immer umfangreicher. Diskussions- und Gesprächsabende zu Themen wie "Allein und schwanger" oder "Pro und contra Verhütungsmittel" fanden ein großes Interesse. 1983 wurde in der inzwischen gegründeten Nebenberatungsstelle Reutlingen das "Rosa Telefon" eingerichtet. Den heißen Draht nutzten auf Anhieb viele Ratsuchende. Die Frage nach dem ‚Coming out’ der homoerotisch fühlenden Menschen stand dabei im Mittelpunkt. Die effektiven Einnahmen beliefen sich in dem Jahr auf rund 208.000 Mark (106.350 Euro). 1977 waren es gerade mal 10.500 Mark (5.368 Euro) gewesen.

Als Bundesfamilienminister Heiner Geißler 1984 die "Mutter-Kind-Stiftung" gründete, um mit einem "Finanztopf" von rund 50 Millionen Mark schwangere Frauen von einem Abbruch abzuhalten, standen die Leute von pro familia bundesweit Kopf. "Augenwischerei", so wir heute rückblickend. Denn bald zeigte sich, dass - wie die daraufhin folgenden Auswertungen zeigten - die meisten Frauen, die die Bundesstiftung beantragten, gar nicht vor hatten, die Schwangerschaft abzubrechen, sondern sich in einer finanziellen Notlage befanden. Ein anderer Kritikpunkt war, dass durch die "Stiftungsfalle" ein Mehr an Verwaltungsarbeiten entstand, entsprechend weniger Zeit konnte der eigentlichen Beratungsarbeit gewidmet werden. Fazit von pro familia: Geld verringert Abbrüche nicht. Die Spannungen zwischen pro familia und dem Familienministerium steigerten sich bis zur Drohung, dem Verein die Lizenz als Beratungsstelle zu entziehen.

Bezeichnenderweise deckte die Landespartei der Grünen in dieser Zeit illegale Praktiken bei Schwangerschaftsabbrüchen auf: Einige der wenigen Kliniken in Baden-Württemberg, die überhaupt Abtreibungen durchführten, kassierten bei den Frauen nicht selten noch Hunderte von Mark zusätzlich ab.

Chronik des Gesetzgebungsverfahrens §218 in Deutschland

1974 Der Bundestag beschließt nach langen und heftigen Auseinandersetzungen eine Reform des § 218. Danach soll eine Fristenregelung mit Beratungszwang gelten.

1975 Das Bundesverfassungsgericht erklärt das verabschiedete Gesetz, auf Antrag der CDU, für verfassungswidrig.

1976 Der Bundestag verabschiedet ein kompliziertes Gesetz, die Indikationsregelung. Danach können Frauen, die eine ärztliche Indikation und eine Beratungsbescheinigung vorlegen, abtreiben. Es gelten folgende Indikationen: medizinische, eugenische, kriminologische und die Notlagenindikation.

1972 In der DDR gilt die Fristenregelung ohne Beratungszwang. Schwangerschaftsabbrüche dürfen nur stationär in der Klinik vorgenommen werden.

1990 Im Einigungsvertrag wird der gesamtdeutsche Gesetzgeber beauftragt, bis spätestens Ende 1992 «eine Regelung zu treffen, die den Schutz des vorgeburtlichen Lebens und die verfassungskonforme Bewältigung von Konfliktsituationen schwangerer Frauen, ..., besser gewährleistet, als dies in beiden Teilen Deutschlands der Fall ist.» Bis dahin gilt der § 218 im Westen und der § 153 im Osten der Republik.

1992 Der Bundestag beschließt in einer parteiübergreifenden Abstimmung das sogenannte "Beratungsmodell", das eine Fristenregelung mit Beratungszwang beinhaltet.

1992 Das Bundesverfassungsgericht entspricht dem Antrag der im Bundestag unterlegenen CDU/CSU Bundestagsabgeordneten und verfügt, dass die Reform der §§ 218 und 219 einstweilen, d.h. bis zu einer endgültigen Entscheidung des BVerfG, nicht in Kraft tritt, was ansonsten an diesem Tag der Fall gewesen wäre.

1993 Das Bundesverfassungsgericht verkündet am 25.5.93 sein endgültiges Urteil zur Reform der §§ 218 und 219 und erklärt diese für verfassungswidrig. Es erlässt per Anordnung mit Gesetzeskraft eine Übergangsregelung.

1993 Die Übergangsregelung des BVerfG regelt ab dem 16. 6.93 erstmalig für die gesamte Republik, ob und unter welchen Umständen Frauen in Deutschland abtreiben dürfen.

1995 Der Bundestag beschließt mit Zustimmung des Bundesrates ein Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz, das die Bestimmungen des BVerfG berücksichtigt und eine Fristenregelung bei vorgeschriebener Beratung beinhaltet.

Die 90er Jahre –

Der neue § 218, Selbständigkeit der „Reutlinger“ und der virtuelle Rat

1991, zwei Jahre nach dem Mauerfall, beschloss der Bundestag in einer parteiübergreifenden Abstimmung das sogenannte "Beratungsmodell", das eine Fristenregelung mit Beratungszwang beinhaltet. Doch die im Bundestag unterlegenen CDU/CSU-Bundestags-abgeordneten erwirkten beim Bundesverfassungsgericht (BVerfG) eine einstweilige Aufhebung der Reform der §§ 218 und 219. Im Mai 1993 dann das endgültige Urteil: die Reformen sind verfassungswidrig aber straffrei. Erst 1995 beschließen der Bundestag und Bundesrat ein Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz, das eine Fristenregelung bei obligatorischer Beratung beinhaltet. Eine Lösung übrigens, die pro familia schon 20 Jahre zuvor angestrebt hatte..
Um die steigende Nachfrage unserer Angebote besser organisieren zu können, wird vom Vorstand des Vereins 1993 die Selbständigkeit der Reutlinger Beratungsstelle beschlossen. Wohl bleibt das „Dach“ des Kreisvereins als Träger, aber die fachliche Leitung der Beratungsstelle wird nun eigenverantwortlich durch Frau Kahrens geführt.

Weiteren Pioniergeist zeigt der Tübinger Kreisverband jetzt unter meiner (neuen) Verantwortung als Geschäftführer in der zweiten Hälfte der Dekade: die Ausweitung des ehedem schon großen Beratungsangebotes auf bis dahin unerschlossene Medium: Internet.

1995 wird von unserem Landesverband das Projekt "Sextra" kreiert, das die drei unterschiedlichen Medienschwerpunkte Radio, Telefon und Plakat vereint. 1996 gesellt sich das Medium Internet hinzu, das von uns TübingerInnen entwickelt und redaktionell geleitet wurde.

In der Radiosendung "Sextra" (in Zusammenarbeit mit dem damaligen Süddeutschen Rundfunk) wurde einmal wöchentlich ein Radiobeitrag von pro familia-ExpertInnen ausgestrahlt. Zudem wurde zusätzlich zweimal die Woche eine Telefonberatung für Radiohörer angeboten.

Die Homepages im Internet - www.profamilia-online.de und "www.sextra.de – scheinen für Ratsuchende eine wahre “Beratungsnische” zu sein.. Auf mittlerweile 120 Webseiten werden die Aktivitäten von pro familia Tübingen und den Landesverbänden Hessen, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen präsentiert und Fachinformationen angeboten. Dazu gehört unter anderen die Sextra-Seite (www.sextra.de), die (anonym) zu eigenem Fragen zum Thema Nr. 1 animieren soll (dort können direkt via Email Probleme diskutiert werden). Die bisherigen Erfahrungen mit Mail-Anfragen zeigen einen sachlich orientierten "Informationshunger". Beispielsweise bedienen sich (junge) Männer mit Penisproblemen vergleichsweise oft dieses Mediums. Bei dieser Form der Beratung scheint die Schwelle niedrig, männliche Identitätsprobleme und Versagensängste auszudrücken. Bei den Anfragen zeigt sich klar ein weiterer positiver Vorteil der Mail-Beratung: Die Sexual- und Partnerschaftsfragen werden sozusagen "in situ" gestellt. Das heißt, es liegt eine Notlage vor, der oder die Ratsuchende benötigt ad hoc Lebenshilfe, “Erste Hilfe” gewissermaßen, trotz eventuell großer räumlicher Distanz.
Seit Februar 2001 werden mit dem Bundesverband von pro familia (er feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen ) Kooperationsgespräche der gemeinsamen Nutzung des Internets geführt. Dies ist eine etwas schwierige Geburt, da Zuständigkeiten, Nutzungsrechte und Verantwortungen geklärt werden müssen und um Besitzstandsrechte gerungen wird.

Fakt ist aber: Wir haben in Deutschland bezüglich der Mail-Beratung Pionierarbeit in Beratungsangelegenheiten geleistet.team
Zur GroßansichtDas Tübinger Team

Fakt bleibt auch: die pro familia Tübingen feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen als eingetragener Verein. Zu unseren ursprünglich 3 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen und jetzt 13 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind in den letzten 25 Jahren 43.000 Frauen und Männer gekommen. 58.000 Beratungen wurden durchgeführt; unzählige Gruppengespräche mit Jugendlichen dabei nicht mitgezählt. - Happy Birthday!

..und wie wird es weitergehen?

pro familia gehört als gemeinnütziger Verein zum sogenannten „Dritten Sektor“, der gekennzeichnet ist durch die negative Bestimmung, nicht Staat aber auch nicht (kapitalistischer) Markt zu sein. Regierungsunabhängige und freigemeinnützige Organisationen bilden den Kern dieses Bereiches, der als Reaktion auf fehlenden Gestaltungswillen und mangelnde Kompetenz der staatlichen Institutionen oder in der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung z.B. im Bereich Umwelt oder Menschenrechte entstanden ist.
Durch den in Deutschland traditionellen Vorrang freier Träger bei der Durchführung von Sozialen Maßnahmen (Subsidiaritätsprinzip) besteht ein relativer Bestands- und Vertrauensschutz für soziale Einrichtungen, der jedoch durch unterschiedliche Entwicklungen zunehmend gefährdet erscheint.

Durch den Umbau des Sozialstaates aufgrund der behaupteten „Öffentlichen Armut“ werden den freien Trägern nicht mehr die erforderlichen Ressourcen von der öffentlichen Hand zu Verfügung gestellt – weder zum Erhalt des bestehenden Angebotes noch zum erforderlichen Um- oder Ausbau bei verändertem oder zusätzlichem Bedarf. Zugleich werden zusätzliche kostenträchtige Anforderungen an die Professionalität, Effektivität und Qualität sozialer Dienste gestellt.

Die Anpassung an die Reform der öffentlichen Verwaltung („Neue Steuerung“) bindet auf Seiten der freien Träger erhebliche Ressourcen mit der Gefahr, am Ende mit geringeren Kosten nur schlechtere Qualität liefern zu können.

Die Konkurrenz unter freien Trägern und hinzukommenden gewerblichen Anbietern wird zu einem Kosten- und Qualitätswettbewerb führen, bei dem das billigere und qualitativ geringwertigere Angebot den Zuschlag bekommt.

Der Vorrang der freigemeinnützigen Träger wird von Seite des Staates und im europäischen Vergleich zunehmend abgebaut. Staatliche Stellen übernehmen die verbleibende Soziale Arbeit auf Fürsorgeniveau. Gewerbliche Anbieter übernehmen die profitbringenden Bereiche.

Um dieser zu erwartenden Entwicklung entgegenzuwirken, sind für pro familia folgende Aspekte von Bedeutung:

1. Sicherung der öffentlichen Förderung

Die öffentliche Förderung wird zumindest in den gesetzlich geregelten Bereichen des Kinder- und Jugendhilfegesetz erhalten bleiben. Der in anderen Bereichen vorhandene Vertrauensschutz durch langjährige Förderung bietet eine wesentlich geringere Garantie für eine zukünftige Förderung.

Der geplante Einstieg in die Kontraktfinanzierung und der Abschluss von Leistungsvereinbarungen können die Abhängigkeit von öffentlicher Förderung zumindest auf ein vertragliches Niveau heben und damit kalkulierbarer machen. So geschehen im Jahr 2000: Die Tübinger pro familia schloss mit dem Landkreis einen Kooperationsvertrag im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG).

2. Erhalt der Qualität

Durch kritische Mitwirkung bei der Einführung der „Neuen Steuerung“ und Einflussnahme auf ihre „Produktlogik“ versucht pro familia im Verbund mit anderen Einrichtungen und deren Trägern und mit Unterstützung des PARITÄTISCHEN als Spitzenverband die erreichte Qualität der Beratungsarbeit zu erhalten. Die Entwicklung von Qualitätsstandards als vereinbarte Grundlage der Förderung, die Einführung von Methoden des Qualitätsmanagements und die konsequente Orientierung am Bedarf und damit die Forcierung von Innovationskompetenz sollen zum Qualitätserhalt beitragen.
Dabei muss pro familia ihre Kriterien der „Qualitätssicherung“ kritisch und selbstbewusst entwickeln und behaupten. „Produkte“ der psychosozialen Arbeit dürfen sich nicht bedingungslos am Marktgeschehen der Wirtschaft orientieren – mitmenschliche Zuwendung und Solidarität sind noch immer die Hauptkriterien iner qualitativ hoch stehenden Arbeit.

3. „Soziale Verantwortung“ als Ansatz für Sponsoring

Die bisher vorwiegend mäzenatische Beteiligung von BürgeriInnen und privaten Firmen bei der Förderung von Sozialer Arbeit ist weder von der Höhe her ausreichend noch stellt diese eine genügend kalkulierbare Größe dar. Dies gilt vor allem für Vereine wie pro familia, die weder von der Klientel noch von den Inhalten der Arbeit her mit der Attraktion von Organisationen, die beispielsweise nur im Kinder- und Jugendhilfebereich arbeiten, oder mit den professionellen Spendenmarketingstrukturen von Großorganisationen mithalten können.

In dieser Situation erscheint Sponsoring als eine Methode, die bisherigen Nachteile in Vorteile umwandeln zu können. Sponsoring bedeutet Leistungsaustausch und gehört zum Methodenkatalog des Firmenmarketings. Der Sponsor fördert den Gesponserten, weil dieser sich davon einen Imagetransfer und damit die Verbesserung des eigenen Images erhofft. Das Image von pro familia als seriöser, fachkompetenter und unabhängiger Verband ist hoch anzusetzen und daher von großer Bedeutung für potentielle Sponsoren. Ein privater Sponsor zeigt in der Öffentlichkeit und gegenüber den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seine soziale Verantwortung, indem er eine soziale Organisation unterstützt. Bei optimaler Abstimmung und partnerschaftlicher Vertragsgestaltung haben dabei alle Beteiligten ihren Vorteil, ohne dass das Image von pro familia dadurch gefährdet werden könnte.

4. Die Menschenrechtsperspektive

In einer für den Einzelnen immer undurchschaubareren Welt werden Menschen auf der Suche nach dem Lebenssinn überfordert, weil traditionelle Formen der Sinnstiftung an Überzeugungskraft verlieren. Der Beratungsbedarf wird daher unverändert zunehmen.

In einer globaleren Sicht werden die Organisationen an Bedeutung gewinnen, die sich die Realisierung und Erhaltung von Menschenrechtspositionen als Aufgabe gestellt haben und durch internationale Vernetzung schnell und wirksam auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen können. Dazu gehört pro familia.

Organisationen, die individuelle Hilfe mit globaler Perspektive verbinden können, haben daher gute Aussichten für ihre weitere Entwicklung. Eine positive Perspektive für pro familia.

Eberhard Wolz