Teenager-Schwangerschaften

Trotz aller Aufklärung und Beratung, trotz allem Zugang zu Verhütungsmitteln, es gibt sie, jugendliche Mädchen, die schwanger sind. Sie machen uns in erster Linie hilflos.

Jugendliche Schwangere – da treffen zwei Welten aufeinander, die eigentlich unvereinbar miteinander sind. Ein Mädchen ist dabei, erwachsen zu werden und gleichzeitig steht sie vor der Herausforderung, selbst schon Verantwortung für ein Kind übernehmen zu sollen.

In der Begleitung solcher jugendlicher Mädchen spürt man die Schwere und das per se Konflikthafte der Situation und es zerreißt einen als helfende Person zuweilen fast Man ahnt schon im ersten Gespräch, dass es langfristig schwierig und fast unmöglich werden wird, all die sich ankündigenden Bedürfnisse auf Dauer unter einen Hut zu bringen.

Dabei weiß man auch, dass es keine leichten Wege gibt. Denn eines ist jedes Mal überdeutlich: Es gibt keine einfachen Lösungen. Egal wie sie sich entscheiden, ob sie Mutter werden oder einen Schwangerschaftsabbruch erwägen – beides wird tiefe Spuren in ihrem Innern hinterlassen, und beides wird nicht einfach zu verkraften sein. Dazu weiß man als Beraterin einer Schwangerschaftskonflikt-Beratungsstelle aus Erfahrung, dass man sich hüten muss zu meinen, der Schwangerschaftsabbruch wäre vielleicht doch die in diesem Alter einfacher zu verkraftende Lösung. Schwangerschaftsabbruch hinterlässt gerade bei Jugendlichen häufig tiefe traumatische Spuren und allein deswegen ist gut abzuwägen, ob das im Einzelfall der wirklich angemessene Schritt ist.

Was stehen im jugendlichen Alter zunächst eigentlich für Entwicklungsschritte an?

schwangerschaft
Jugendliche sind dabei, sich aus dem elterlichen Nest zu verabschieden, sich allmählich auf den Weg ihres eigenen Lebens zu machen und dabei die ersten Schritte in die eigene Verantwortung und das ganz eigene Dasein zu gehen.

Das ist ein gewagtes Unterfangen, denn nun wird es ernst. Die Zeit des Spielens und damit des „so tun als ob“ ist vorbei. Alles was jetzt kommt hat mit realem Erwachsenwerden zu tun und bedeutet reale Herausforderung, reale Bewältigung realer Aufgaben und realer Schwierigkeiten. Dies gelingt Jugendlichen umso eher, je stabiler und in emotionaler Hinsicht wärmer und individuell einfühlsamer ihr Zuhause war, das sie nun verlassen. Einfacher ausgedrückt: Je besser ausgebildet ihre Wurzeln sind, umso eher können sie in die Welt hinaus fliegen, ohne dabei gleich abzustürzen oder im nächsten Wäldchen hängen zu bleiben.

Was ist nun mit einem Mädchen, das bei diesen „ersten Flugversuchen“ schwanger wird?

Wie können wir uns das vorstellen, bzw. was wissen wir darüber? (Vgl. M. Merz , 1988)

Da ist zunächst ein zentrales Thema: Mädchen, die schwanger sind, starten das Verlassen des familiären Nestes, indem sie sofort die Situation schaffen, ein neues Nest haben zu wollen. Es sind Mädchen, die die Geborgenheit der Familie nicht ausreichend und innerlich nicht genügend sättigend erlebt haben und die diese Geborgenheit infolgedessen nicht als ein im Innern verwurzeltes Lebensgefühl mitnehmen, sondern Geborgenheit ganz konkret durch ein eigenes Kind wieder herzustellen versuchen.

Mit einem Baby hat man Anspruch auf ein neues Nest, das ist offensichtlich, und man ist nicht mehr alleine, sondern hat die Urerfahrung des Zusammenseins, der tiefen Symbiose und Beziehung wieder hergestellt. So gesehen kann das eigene Baby als der Versuch gesehen werden, die eigene Sehnsucht nach Nähe, Geborgenheit, danach, mit jemandem tief verbunden zu sein wieder herzustellen, bzw. die Hoffnung, die tiefe Sehnsucht nach solcher Beziehung vielleicht zum ersten Mal wirklich stillen zu können. Mit einem Baby im Bauch kann man gar nicht alleine sein. Und auch nach der Geburt: Niemand wird sich so nach Nähe sehnen und für lange Zeit nach einem verlangen wie ein eigenes Kind nach seiner Mama.

Dann bedeutet das elterliche Nest zu verlassen auch , die Welt zu erkunden, eigene Interessen, eigene Aufgaben zu entdecken, damit eine eigene Identität und den eigenen Selbstwert auszubilden.

Wenn nun die eigenen im Wurzeln im elterlichen Nest nicht gut und tiefreichend genug ausgebildet werden konnten, dann hat das leider zur Folge, dass auch die Flügel nicht richtig kräftig und flugtauglich wachsen (vgl. Hüther 2001, 2003). Wer keine guten Flügel hat, traut sich nicht zu fliegen, traut sich damit wenig zu, die ganz eigenen Aufgaben, Ideen und Vorstellungen heraus zu finden. Mit einem Kind, mit der Sorge für ein Baby hat man eine reale Identität gefunden: Man hat eine wichtige Aufgabe und weiß, wer man zukünftig sein wird: Die Mama in ihrer zentralen Funktion für ein Kind. Das schafft Sicherheit, denn die Weite der Welt kann sehr ängstigend sein; und, das wissen wir alle, das Herausfinden der eigenen Identität und der ganz eigenen Aufgabe in der Welt ist kein einfaches Unterfangen.

So hat man mit der Tatsache, Mutter zu werden, wesentliche Aufgaben des jugendlichen Alters in einem erlöst: Man sorgt wieder für Geborgenheit und man hat eine Identität und wichtige Aufgabe, damit auch Selbstwert, gefunden: Die nicht zu bestreitende, zentrale Rolle, ernsthaft gute Mutter für ein Kind zu sein. Und diese Wünsche nennen die Mädchen meistens recht deutlich

Ein drittes Thema sei genannt: In unserer Welt der Rationalität und Nüchternheit bedeutet ein Kind, sich den emotionalen und auch irrationalen Themen des Lebens überlassen zu dürfen. Das kann wie ein tiefes Aufatmen in der Welt des Verstandes und der Vernunft sein.

In all den genannten Punkten ist die Schwangerschaft eines jugendlichen Mädchens die tiefe Sehnsucht, innere Aufgaben und Wünsche in einer archaischen Weise zu erfüllen. Das fordert unbedingt unseren Respekt vor psychischen Bedürfnissen mancher jugendlicher Mädchen heraus, ebenso Respekt gegenüber ihrer Art, diese zu bewältigen. Gleichzeitig wissen wir als Erwachsene, dass ein Kind zu gebären nicht bedeutet, dass dann alles Ersehnte sich wie von selbst erfüllt (und dass es wie von selbst geht, ist die häufig noch kindliche Vorstellung Jugendlicher), sondern wir wissen, dass mit der Geburt eines realen Kindes mit seinen auch wieder ganz realen Bedürfnissen Schwierigkeiten und Tücken auftauchen, die von einer Jugendlichen nicht alleine bewältigt werden, sondern die unbedingt liebevolle und fachkundige Begleitung brauchen.

Je nachdem wie die Situation im einzelnen ist, wird es uns als Helfende vor mehr oder weniger große Herausforderungen stellen.

Drei Konstellationen seien genannt, die deutlich machen, wie unterschiedlich schwierig die Aufgaben sein können, vor denen man steht:

Ein 16-jähriges Mädchen, aufgewachsen in strenger, muslimischer Tradition.
Sie kommt zu mir in Beratung im fünften Monat der Schwangerschaft mit der dringenden Bitte ihr zu helfen. Ihr Vater schlage sie halbtot, wenn er erführe, was los ist, und sie werde sofort aus der Familie für immer verstoßen. Sie wisse nicht, wie es weiter gehen soll, denn sie könne auch nicht ohne Einverständnis des Vaters von zuhause weg und mit dem Jugendamt wolle sie keinesfalls in Kontakt kommen. Ihre Familie will sie keinesfalls verlieren

Ein vierzehnjähriges Mädchen, schwanger, will das Kind auch unbedingt bekommen. Die Mutter kommt mit. Sie selbst ist endlich dabei, sich ihre beruflichen Träume zu erfüllen und hat den heiß ersehnten Job bekommen. Die Tochter will „ihrem Baby“ auf keinen Fall irgendetwas antun, andrerseits will sie ebenso selbstverständlich ohne Pause die Schule weitermachen und ihre jugendliche Zukunft nicht aufgeben. Die ( heute nicht seltene, relativ liberal „moderne“) Mutter reagiert fast ohne Vorwürfe auf die Tatsache, dass ihre Tochter so früh schwanger geworden ist, hat auch Verständnis für die Liebe ihrer Tochter zum ungeborenen Baby, macht andrerseits unmissverständlich klar, dass sie ihre Arbeit ohne jegliche Einschränkung fortsetzen wird und keinesfalls als Großmutter wirklich konkret helfen wird. Mit ihr sei nicht zu rechnen. Da sie mit der Tochter alleine lebt, weit weg von allen familiären Bezügen, ist aus privatem Umfeld keinerlei Hilfe zu erwarten.

Eine Fünfzehnjährige, zweitälteste von sechs Kindern, kommt mit beiden Eltern. Die Eltern machen deutlich, dass sie weder Platz in ihrer jetzt schon viel zu kleinen Wohnung, noch Geld bei ihren einfachen Verhältnissen hätten, um ein weiteres Kind durchzubringen. Sie plädieren für Schwangerschaftsabbruch, so sehr sie das auch bedauerten, es sei die einzige Lösung für die bestehende Familie, ebenso angesichts der notwendigen Ausbildung für die Tochter. Die Tochter sitzt da, schweigend, sagt fast nichts, außer der einzigen, unmissverständlichen Feststellung: Ich werde das Kind bekommen, Abbruch mache ich auf alle Fälle keinen. Schule sei ihr sowieso egal, was zähle sei sie und das Baby.

Die konkreten Lösungen sahen in allen drei Fällen völlig unterschiedlich aus. Die jeweiligen Freunde spielten jedes Mal entweder keine, oder eine ganz rudimentäre Rolle, weil selbst noch zu jung, oder die Partnerschaft zu Ende oder extrem brüchig war– das ist häufig der Fall.

Deutlich war in jedem Fall, dass zu allen inneren Dramen die reale Auseinandersetzung mit den Eltern ein entscheidender Dreh-und Angelpunkt war. Die Tatsache einer Schwangerschaft verschärft die ganze Ablöse-Problematik auf enorme Weise. Da trennen sich Jugendliche einerseits von den Eltern, andrerseits wird deutlich, dass Schwangerschaft ohne Einbeziehung der Eltern zum Multi-Problem wird. Für alle drei Mädchen war klar, dass ein Weggeben des Kindes an Adoptiv- oder Pflegemutter keinesfalls in Frage kam, ebenso wollten sie in allen drei Fällen keinesfalls in ein Heim für junge Mütter, wollten keinesfalls ihr alltägliches Lebensumfeld und ihre Peer-Group verlassen - alles klassische Vorgaben junger schwangerer Mädchen. Wünsche nach allen Seiten, nichts scheint aufgebbar zu sein. Sie wollen Mutter sein und wollen gleichzeitig in ihren totalen Wünschen umsorgt werden.

Was tun mit solchen Lebenssituationen?

Es gibt keine immer gleich passende Vorgehensweise, aber zunächst zwei wichtige Punkte, die zentral nicht aus dem Auge verloren werden sollten.

Der wichtigste: Es braucht mindestens eine warmherzige, verlässliche Person, die das Mädchen unterstützen wird, wenn das Kind da ist. Dabei geht es einerseits um Alltagsbewältigung im real belastenden Leben mit einem Säugling, andrerseits darum, das Mädchen selbst auf feine, ihren jugendlichen Selbstwert und Eifer nicht verletzende Art nochmal zu bemuttern. Nur so kann sie ihr Defizit nach Nestwärme aufholen und wird sie über die erste Euphorie hinaus die Kraft finden, dem Kind langfristig eine verlässliche, warmherzige Mutter zu sein. Der zweitwichtigste: Es wäre fatal, wenn Mädchen jegliche Schule oder Ausbildung auf Dauer beenden. Gut ist, ein Modell zu finden, dass sie einerseits Mutter sein können, andrerseits ihre eigene berufliche Perspektive nicht für immer aufgeben. Es ist für die junge Mutter und auch das Kind wichtig, dass die Mutter etwas lernt, noch Fähigkeiten bekommt, um ihre und die Existenz des Kindes zumindest teilweise selbst zu bestreiten. Das stärkt langfristig den Selbstwert von junger Mutter und Kind, auch wenn für einige Zeit eine Ausbildungs-Pause in aller Regel sinnvoll ist. Bei voller Schule/Ausbildung kommt die Sehnsucht des Mädchens nach Symbiose und Beziehung mit ihrem Baby wieder zu kurz.
Leider stehen konkrete Unterstützungs- Modelle, die diese zwei Punkte möglich machen, in der für den Einzelfall notwendigen Vielfalt nicht zur Verfügung. Da gäbe es noch viel zu entwerfen und ins Leben zu rufen. Sinnvoll ist immer, sich zuerst an eine Schwangeren- Beratungsstelle zu wenden, dabei mit dran zu bleiben, damit nicht nur äußerlich irgendeine praktikable Lösung gefunden wird, sondern man nach Lösungen sucht, die die inneren Bedürfnisse der jungen Mutter mit berücksichtigen. Sonst kann es sein, dass die nächste Schwangerschaft, als neuer Versuch die inneren Dramen zu erlösen, sehr schnell eintritt. Schwangeren-Beratungsstellen kennen sich im allgemeinen aus, welche Formen im näheren oder weiteren Umfeld der Unterstützung jugendlicher Schwangerer es gibt, oder welche Wege man gehen muss, um eventuell neue Formen zu kreieren.

Meine langjährige Erfahrung zeigt, dass manches möglich wird, wenn man nur hartnäckig danach sucht und die zuständigen Stellen (Jugendamt, Jugendhilfe-Träger, auch Eltern) mit ermuntert, nicht nur irgendwie das Baby unterzubringen und die Mutter zu Schule/Ausbildung zu trimmen, sondern bereit zu sein, noch nicht fest vorgezeichnete Wege zu suchen.

Hat man in zurückhaltend taktvoller, aber doch steten Art die notwendige Bemutterung des Mädchens im Auge, dann ebnen sich manchmal äußere Schwierigkeiten. Es tun sich dann doch praktische Modelle und Lösungen auf, die zunächst für alle Beteiligten nicht möglich schienen.

Ingrid Löbner, Dipl.Päd., Pro Familia Tübingen

Literatur:

Brazelton/Greenspan: „Die 7 Grundbedürfnisse von Kindern“, Weinheim/Basel 2002
Hüther: „Die Bedeutung früher Bindungen für die Hirnentwicklung und das Verhalten von Kindern“ in „Gesellschaft für Geburtsvorbereitung, Rundbrief 1/2003“
Merz,M.: „Schwangerschaftsabbruch bei Jugendlichen“, Olten 1988